Tomás Saraceno

Foto und ©: Studio Saraceno

Tomás Saraceno – in orbit

Tomás Saraceno hat für das K21 unter der Kuppel die begehbare Installation in orbit geschaffen

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#32
Online-Magazin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen


making of: Tomás Saraceno "in orbit"

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Das Werk von Tomás Saraceno entsteht in intensiver Auseinandersetzung mit biologischen und physikalischen Erkenntnissen, die er sich für seine ambitionierten Projekte zunutze macht. Einen Schwerpunkt bildet die Erforschung von Spinnennetzen. Bezogen auf ihr Gewicht sind Spinnfäden viermal belastbarer als Stahl und können um ein Vielfaches ihrer Länge gedehnt werden. Zur Vorbereitung seiner spektakulären Netzkonstruktion in orbit unter der Kuppel des Ständehauses setzt Saraceno verschiedene Spinnenarten nacheinander in Vitrinen und beobachtet ihr Vorgehen. Auf den Netzen ihrer Vorgänger aufbauend kreieren die Spinnen hybride Netzstrukturen, wie sie in der Natur nicht vorkommen würden. Eine Besonderheit in diesem Raum ist die Netzstruktur ohne schützende Glashaube. In ihr leben sechs Spinnen der Gattung Cyrtophora citricola, der sogenannten Opuntienspinne aus der Familie der Echten Radnetzspinnen. Opuntienspinnen sind demisozial, d. h. sie leben nebeneinander, aber jede in ihrem eigenen Netz. Sie tolerieren die Nachbarschaft der anderen, spinnen aber keine gemeinsamen Netze und ziehen ihre Jungen getrennt auf. Die Opuntienspinnen bauen auf ein bereits vorhandenes Netz auf, das von einer Nephila pilipes (Seidenspinne) gewebt wurde. Weibliche Seidenspinnen werden im südpazifischen Raum als Nutztiere zur Herstellung von Fischernetzen gehalten und dienen als Nahrungsmittel.

Die Feinheit und Schönheit von Spinnennetzen, aber auch ihre enorme Stabilität sind immer wieder Vorbild für Tomás Saracenos eigene visionäre Architekturprojekte. Inspiriert von der biomorphen Architektur eines Frei Otto und Buckminster Fuller kreist Saracenos künstlerisches Schaffen seit einigen Jahren um die Verwirklichung so genannter Cloud Cities – schwebende Städte der Zukunft, die sich wie Wolken zu immer neuen Strukturen formieren und ein alternatives, nachhaltiges Lebensumfeld jenseits territorialer Beschränkungen bieten sollen. Die Installation in orbit unter der Kuppel des Ständehauses ist Bestandteil dieser Sozial-Utopie, in der das Spinnennetz zum Ideal für schwereloses, effizientes Bauen und zum Sinnbild für menschliches Sozialverhalten, Koexistenz und Vernetzung innerhalb der Gesellschaft wird.