Liebe Leserinnen, liebe Leser,

seit dem vergangenen Herbst arbeitet die Kunstsammlung unter neuer Leitung: Im September habe ich als Direktorin mit einem neuen Programm begonnen und im Oktober kam die neue Geschäftsführerin der Kunstsammlung Bianca Knall dazu. Nach den ersten Monaten voll neuer Erfahrungen ist es nun Zeit für eine Rückschau: Was haben wir zusammen mit dem Team des Museums erreicht und in die Wege geleitet, was können Sie künftig von uns erwarten?

Prof. Dr. Susanne Gaensheimer, Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Foto: Andreas Endermann

Für Ihre Offenheit, die Sie uns und unserer Arbeit entgegengebracht haben, will ich mich sehr bedanken. Hier im Rheinland mit seiner dichten Museumslandschaft spielt die Kunst eine ganz besondere Rolle, das ist deutlich zu spüren: Publikum, Sammler und Sammlerinnen, die Künstlerschaft der Region, das Umfeld der Kunstakademie – sie alle sind verbunden in einem dichten Netzwerk bemerkenswerter Kennerschaft. Das ist Ansporn, Anregung und - natürlich auch - eine wirkliche Herausforderung. Darüber hinaus haben Museen heute mehr denn je die Pflicht, sich über den Kreis eingeschworener Kunstliebhaber hinaus auch weiten Teilen der Bevölkerung zu öffnen. Hier ist unsere Abteilung Bildung mit ihren vielfältigen und „passgenauen“ Angeboten besonders gefragt.

Unsere erste große Ausstellung, die wir dem lange „übersehenen“ Lebenswerk der amerikanischen Malerin Carmen Herrera gewidmet hatten, ist von Besuchern wie Medien mit lebhaftem Interesse und Neugierde aufgenommen. Dank gebührt dem Land NRW, das uns den Ankauf von drei wichtigen Werken Herreras ermöglicht hat. Dank auch der Künstlerin, die uns eine weitere Arbeit dazu schenkte.  Mit dieser bisher größten Präsentation Herreras haben wir nun das bedeutsame Lebenswerk der 1915 geborenen Pionierin der geometrischen Abstraktion in der europäischen Kunstszene verankern können; der sorgfältig  erarbeitete Katalog dokumentiert dieses erstaunliche Oeuvre. 

Zeitgleich zu der von Dezember bis April geöffneten Herrera-Ausstellung haben wir ein Experiment gewagt: Maria Hassabi zeigte in der weitläufigen Grabbe Halle des K20 ihre Choreographie „STAGING: Solo #2“. Der radikale Minimalismus, die starke Wirkung von Farbe, hier verbanden sich diese beiden sonst so unterschiedlichen künstlerischen Ansätze reizvoll. Faszinierend war zu sehen, wie die Besucher auf Maria Hassabis choreografische Installationen von ungewohnt gedehnter Dauer reagierten, die Faktoren Zeit und Bewegung als neue Erfahrungen in die Kunst-Wahrnehmung einflossen. Stolz sind wir darauf, dass unsere Produktion in internationalen Kunstmagazinen, auch schon auf der Titelseite, dokumentiert und auch im Pariser Centre Pompidou und bei einem Kulturfestival in London vorgeführt worden ist.
 
Dies alles bestärkt uns sehr in dem Plan, die Kunstsammlung auch weiterhin dem Interdisziplinären gegenüber zu öffnen, um mit neuer Lebendigkeit auch andere, jüngere Besucher anzusprechen. Noch bis zum 19. August ist die Grabbe Halle Schauplatz für die eindrucksvolle Filminstallation „k.364“ des schottischen Weltstars Douglas Gordon. Er folgt in dieser Arbeit zwei israelischen Musikern auf dem Weg von Berlin nach Warschau, wo sie die Sinfonia concertante im Staatsorchester aufführen werden. Ihre Gespräche über die geschichtsbeladene Landschaft und das Geräusch des rollenden Zuges mischen sich mit der bewegenden Komposition Mozarts und zeigt das Vertrauen in die Kraft der Musik.

Den beiden Ausstellungshäusern der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen möchten wir wieder ein klareres Profil geben: Im K21 soll die Gegenwartskunst ihre Bühne finden – und zwar mit einer verstärkten Internationalität und medialer Vielfalt. So war hier im Winter die Ausstellung des libanesischen Künstlers Akram Zaatari zu sehen, der auf der Basis seiner Arab Image Foundation mit Fotos, fotografischen Objekten und Videos eindrücklich die vielen Funktionen des Fotografischen erforschte - überraschend für viele Fotokunst-Fans, die sich an den sachlichen Blick der Becher-Schule gewöhnt hatten. Am gleichen Ort stellen wir Ihnen bis Mitte August das Raqs Media Collective vor: ein indisches Künstlerkollektiv, das sich in seiner ersten deutschen Museumsausstellung mit Themen wie dem globalen Kapitalismus, der Urbanisierung oder Formen politischer Repräsentation beschäftigt.

Diese Reihe setzen wir im Herbst im neu eröffneten K21 fort mit der unter dem rätselhaften Pseudonym Lutz Bacher auftretenden amerikanischen Künstlerin und der international gefeierten chinesischen Künstlerin Cao Fei, die sich mit Multimedia-Installationen, Videos, Fotografien und Skulpturen auf die sich stark verändernde gesellschaftliche und urbane Realität Chinas bezieht. Doch nicht nur internationale Künstler werden im K21 gezeigt werden. Einen ganz besonderen Stellenwert werden wir auch der Düsseldorfer Szene einräumen. Fest geplant sind große Ausstellungen mit den Stars  dieser Stadt und regelmäßige „Gastspiele“ der Absolventen der Düsseldorfer Kunstakademie.
 
Im K20 steht weiterhin die Klassische Moderne im Mittelpunkt, allerdings auch mit dem Blickwinkel des Globalen. Unsere im November startende Ausstellung „museum global“ untersucht an einzelnen Beispielen die Entwicklung der Moderne jenseits des von Europa und Amerika dominierten Kunst-Kanons und beschäftigt sich auch im Rückblick mit der Entstehung unserer ganz und gar westlich orientierten Sammlung - doch davon später mehr! Zunächst geht es am Grabbeplatz seit Anfang Juni um das bemerkenswerte Lebenswerk von Anni Albers. Die am Bauhaus ausgebildete und ab 1933 mit ihrem Mann Josef Albers in den USA tätige Künstlerin hat die uralte Technik des Webens zu einer ganz eigenständigen Kunstform voll subtiler Farben und abstrakter Formen weiter entwickelt, ohne den Aspekt der Nützlichkeit aus dem Blick zu verlieren. Auch zu diesem bedeutenden Werk ist ein umfassender Katalog erschienen.

Sicher ist Ihnen nicht entgangen, dass unser Programm häufig Künstlerinnen in den Blickpunkt rückt: Die Frage nach der Präsenz von Frauen in der Welt der Kunst, in Galerien und Museen, ist ganz gewiss immer noch relevant. Aber seien Sie sicher, hier steht nicht das bloße Adjektiv „weiblich“ im Vordergrund. Mir kommt es vielmehr darauf an, Ihnen Persönlichkeiten wie Anni Albers, Carmen Herrera oder Cao Fei vorzustellen, die sich als wirkliche Pionierinnen in der Welt der Kunst profiliert haben. 


Ihre
Susanne Gaensheimer