Fotografie ohne Kamera

Thomas Ruff (*1958) ist einer der international bedeutendsten Künstler seiner Generation. Bereits als Student der Fotografen Bernd und Hilla Becher an der Kunstakademie Düsseldorf wählte er in den frühen 1980er Jahren einen konzeptuellen Zugang zur Fotografie. Sein unterschiedlichste Genres und historische Spielarten der Fotografie erkundendes Werk, stellt eine der vielseitigsten und überraschendsten Positionen innerhalb der zeitgenössischen Kunst dar. Die umfangreiche Ausstellung in K20 konzentriert sich auf Bildserien aus zwei Jahrzehnten, bei denen der Künstler kaum noch selbst eine Kamera zur Hand nahm. Für seine oft großformatigen Bilder verwendete er stattdessen vorhandenes fotografisches Material unterschiedlichster Herkunft.

“Um zu erfahren, wie eine Bildgattung funktioniert, muss ich eine Serie machen, ich will hinter das Geheimnis der Bildherstellung kommen”

Thomas Ruff im Gespräch mit Ute Eskildsen

Thomas Ruff im Gespräch mit Prof. Dr. Susanne Gaensheimer

Macht der Pressefotos

Wo verwenden wir Fotos?
Was passiert, wenn Fotos gedruckt werden?
Wie verändern sich Ästhetik und Aussage?

Diesen Fragen geht der Künstler in verschiedenen Serien nach, in denen er auf Bildmaterial anderer Fotografen zurückgreift, es bearbeitet und Kontexte thematisiert. Für seine Serie “Zeitungsfotos” sammelte und bearbeitete der Künstler Fotos aus der Zeitung, um die Vertrautheit mit den Motiven und ihre Zuverlässigkeit als Informationsträger zu überprüfen. In der Serie “press++” zeigt er die Arbeitsspuren von Zeitungsmachern im Widerstreit mit den Bildern, die extra für eine Verwendung in der Zeitung aufgenommen wurden. In seiner neuen Serie “Tableaux chinois” untersucht er die Verwendung von Fotos in der politischen Propaganda und zeigt die kunstvolle Stilisierung der Fotos mit dem Hinweis auf die Machbarkeit und die zeitbedingte Ästhetik der Druckerzeugnisse auf.

Thomas Ruff, Zeitungsfoto 014

Thomas Ruff, Zeitungsfoto 014

Zeitungsfotos

Die Werke der Serie “Zeitungsfotos” entstanden zwischen 1990 und 1991 als Farbabzüge, die mit Passepartout gerahmt wurden. Sie basieren auf einer Bildersammlung, die der Künstler zwischen 1981 und 1991 aus deutschsprachigen Tages- und Wochenzeitungen ausgeschnitten hatte. Die ausgewählten Motive aus Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur, Wissenschaft, Technik, Geschichte oder Zeitgeschehen spiegeln in ihrer Gesamtheit die kollektive Bilderwelt einer bestimmten Generation wider. Die ausgewählten Bilder ließ der Künstler ohne die erklärenden Bildunterschriften reproduzieren und in doppelter Spaltenbreite abziehen. So legt er die Frage nach dem Informationswert der Fotos nahe und lenkt den Blick auf die Raster des Zeitungsdrucks.

Thomas Ruff, Zeitungsfoto 060

Benutzen Sie die Lupenfunktion bei dem Bildbeispiel um das Druckraster zu verdeutlichen.

Thomas Ruff, press++ 60.10

Thomas Ruff, press++ 60.10

press++

Schwarzweiße Pressefotografien der 1930er bis 1980er Jahre, die vor allem aus amerikanischen Zeitungs- und Magazinarchiven stammten, sind das Ausgangsmaterial der Serie “press++”. An dieser Serie arbeitet Thomas Ruff seit 2015. Dafür scannt er die Vorder- und Rückseiten der Archivbilder und kombiniert die beiden Seiten, so dass die teilweise bearbeitete Fotografie der Vorderseite mit allen Texten, Bemerkungen und Benutzungsspuren der Rückseite verschmolzen wird. Abgezogen im großen Format wird der häufig respektlose Umgang mit dieser Art von Fotografie sichtbar.

Going Digital

Wie werden Bilder heute gemacht?
Wie unterscheiden sich Fotos auf Papier von Fotos im Internet?
Wo werden Fotos aufbewahrt?

Die Erforschung der Bildgattungen führt zu den Archiven und Bilderspeichern der Vergangenheit und der Gegenwart. Das Internet bietet scheinbar unerschöpfliche Bildquellen, indem es schnelle Zugänge zum digitalisierten, ursprünglich analogen Bildmaterial älterer Zeiten und digital erstellten Fotomaterial eröffnet. Als forschender Künstler findet Thomas Ruff hier ebenfalls Material für seine Studien, Bildproduktion und -reflexion.

Thomas Ruff, nudes pea10

Thomas Ruff, nudes pea10

nudes

Eine Internet-Recherche zum Genre der Aktdarstellungen lenkte die Aufmerksamkeit von Thomas Ruff auf den Bereich der Pornografie und die um die Jahrtausendwende im World Wide Web frei verfügbaren Bilder. Die Motive und die besonderen formalen Merkmale, die den damaligen Stand der Technik kennzeichneten, wurden Ausgangspunkte für neue Werke. Die gefundenen Bilder wiesen eine grobe Pixelstruktur auf, die bereits zuvor das Interesse des Künstlers geweckt hatte. Thomas Ruff bearbeitete die gefundenen Bilder so, dass deren Pixelstruktur im Druck gerade noch sichtbar blieb. Durch die Verwendung von Bewegungsunschärfen und Weichzeichnern, durch Variation der Farbigkeit und Entfernung von Details gab er den “obszönen” Bildern eine malerische Erscheinung und richtete den Blick auf die Bildstruktur und -komposition. Seine Vorlagen wählte der Künstler nach kompositorischen Gesichtspunkten aus. Die Motivauswahl zeigt ein breites Spektrum sexueller Fantasien und Praktiken.

Thomas Ruff, jpeg ny01

jpeg

Weltweit durch das Internet verbreitete Bilder sowie gescannte Postkarten oder Abbildungen aus fotografischen Bildbänden sind der visuelle Ausgangspunkt der Serie “jpg”, an der Thomas Ruff seit 2004 arbeitet. Darin richtet er die Aufmerksamkeit auf ein Merkmal, das alle im JPEG-Format komprimierten Bilder bestimmt und bei starker Vergrößerung sichtbar wird. Durch die Intensivierung der Pixelstruktur und die gleichzeitige Vergrößerung des Gesamtbildes lässt er ein neues Bild entstehen, das aus der Nähe betrachtet einem geometrischen Farbmuster gleicht, mit größerem Abstand jedoch zu einem fotografischen Abbild wird. Ruff nutzt hier Ideen der Malerei des Spätimpressionismus und kombiniert sie mit den digitalen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts. Indem er die gesamte Bandbreite der in den letzten Jahrzehnten global publizierten und gleichzeitig diskutierten Bilder nutzt, lässt er die Serie fast zu einem visuellen Lexikon der medialen Bildwelt und zur Reflexion ihrer vom Medium bestimmten Merkmale werden.

Propaganda Bilder

Wofür werden Fotos verwendet?
Welche Wirklichkeit bilden Fotos ab?
Wie wirken Fotos auf die Wirklichkeit zurück?

Neben den Motiven und den formalen sowie technischen Möglichkeiten der Fotografie nimmt Thomas Ruff die Verwendungsmöglichkeiten von Fotos in den Blick. Mit seinen Bearbeitungen von Bildern aus chinesischem Propagandamaterial macht er die ideologische Vereinnahmung und den manipulativen Charakter der Bilder zum Thema.

Thomas Ruff, tableau chinois_01

Tableaux chinois

Seit vielen Jahren beschäftigt sich Thomas Ruff mit dem Sujet des Propagandabilds. Für “Tableaux chinois” scannte der Künstler Bilder aus in China veröffentlichten Büchern zu Mao und aus der weltweit von der kommunistischen Partei Chinas publizierten und verbreiteten Zeitschrift ‚La Chine‘. Er speicherte diese so, dass das Offsetdruckraster erhalten blieb. Anschließend duplizierte er die Bilder und wandelte das Offsetraster der Duplikate in eine große Pixelstruktur um. Als Ergebnis eines langen Bearbeitungsprozesses am Computer entsteht eine Komposition, die die Merkmale der unterschiedlichen zeitbedingten Medien zusammenführt und das Propagandabild als manipuliertes Bild entlarvt.

Auf Augenhöhe mit den Pionieren

Was ist ein Negativ?
Wie hat sich die Technik der Fotografie im Laufe ihrer Geschichte geändert?
Sieht ein digitales Foto anders aus als ein analog erstelltes?

Der Wandel von der analogen zur digitalen Fotografie vollzog sich in den 1990er Jahren, in denen Thomas Ruff bereits international erfolgreich war. Neben den Merkmalen der digital verarbeiteten und weitergegebenen Fotos nahm er die besonderen Merkmale der Produktion und Verarbeitung der analogen Fotografie in den Blick. Die ausgestellten Fotoserien zeigen Ruffs Auseinandersetzung mit fast 170 Jahren Fotogeschichte und -technik.

Thomas Ruff, r.phg.08_II

Thomas Ruff, r.phg.08_II

“Ich fotografiere, was ich nicht malen möchte, und ich male, was ich nicht fotografieren kann.”

Man Ray, zit. n. Susan Sontag: Über Fotografie, Frankfurt a. M. 1980, S. 176.

Fotogramme

Fasziniert von Fotogrammen der 1920er Jahre beschloss Thomas Ruff, das Genre zu erkunden und eine zeitgemäße Version dieser kameralosen Fotografien zu entwickeln. Jenseits der Beschränkungen der analog hergestellten Fotogramme entwickelte der Künstler seit 2012 seine Versionen von Fotogrammen, indem er mithilfe einer virtuellen Dunkelkammer die Simulation einer direkten Belichtung von Gegenständen auf lichtempfindlichem Papier vornahm.

Thomas Ruff, em.phg.01

Thomas Ruff, em.phg.01

Negative

2014 begann Thomas Ruff, sich intensiver mit der visuellen Erscheinung des Ausgangsmaterials der analogen Fotografie, dem “Negativ”, zu beschäftigen. Um dessen fotografische Wirklichkeit und bildnerische Qualität sichtbar zu machen, wandelte er historische Fotografien in “digitale Negative” um. Dabei veränderte sich nicht nur die Hell-Dunkel-Verteilung im Bild. Auch der bräunliche Farbton der auf Albuminpapier gedruckten Fotografien wurde zu einem kühlen, künstlichen Blauton.

Thomas Ruff, neg◊lapresmidi_01

Thomas Ruff, neg◊lapresmidi_01

Thomas Ruff, neg◊marey_02

Thomas Ruff, neg◊marey_02

flower.s

Blumenfotogramme von Lou Landauer (1897-1991), die Thomas Ruff erworben hatte, sowie die Arbeit an den Fotogrammen brachten ihn auf den Gedanken, sich mit einer weiteren fotografischen Technik zu beschäftigen, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts Anwendung findet: der Pseudo-Solarisation (auch Sabattier-Effekt genannt). Es handelt sich dabei um eine zufällig entdeckte Technik, bei der das Negativ / Positiv während der Belichtung in der Dunkelkammer einer diffusen Zweitbelichtung ausgesetzt wird, so dass es zu einer partiellen Umkehr von Licht- und Schattenbereichen im fotografischen Bild kommt. Für seine seit 2018 entstehende Serie der “flower.s” fotografiert Ruff zunächst mit einer Digitalkamera Blumen oder Blätter, die er auf einem Leuchttisch arrangiert hat. Bei der anschließenden Bearbeitung am Computer wendet er den Sabattier-Effekt an.

“Tatsächlich versuche ich ab und zu eine Blume oder mehrere Blumen zu fotografieren, aber die Fotos sehen einfach nur langweilig aus. Es funktioniert nicht, ich kann scheinbar keine Blumen fotografieren.”

Thomas Ruff, im Gespräch mit Hans-Ulrich Obrist, Düsseldorf 2018
Thomas Ruff, flower.s_10

Thomas Ruff, flower.s_10

Thomas Ruff, tripe_15 Madura. The Blackburn Testimonial

Tripe

Papiernegative, die Captain Linnaeus Tripe (1822-1902) im Auftrag der britischen Regierung zwischen 1856 und 1862 in Burma und Madras erstellt hatte und die sich heute im Archiv des Victoria & Albert Museum in London befinden, waren der Ausgangspunkt für die Serie “Tripe”.

Thomas Ruff konnte die noch erhaltenen Negative sichten und wählte einige für seine eigene Arbeit aus. Alle zeigten deutliche Alterungsspuren oder Beschädigungen. Ruff ließ die Negative digital reproduzieren und wandelte sie anschließend in ein Positiv um, wodurch der bräunliche Farbton des Negativs in einen cyanblauen invertiert wurde.

Eine andere Dimension

Wie nutzen Wissenschaftler Fotografien?
Gibt es noch die Tradition der Reisefotografie?
Wer erfindet neue Bildlandschaften?

Fotografien werden in den verschiedensten Bereichen genutzt. In der Weltraumforschung sind Satellitenfotos eine Grundlage für wissenschaftliche Erkenntnisse über Orte, die für den Menschen bisher unerreichbar waren. In der Bearbeitung durch den Künstler Thomas Ruff werden diese Fotos zu Bildern nie gesehener Welten und zu Studien über die Vorstellung, Machbarkeit und Glaubwürdigkeit von Bildern.

Bitte setzen Sie eine 3-D-Brille auf, um die Mars-Oberfläche dreidimensional zu sehen.

Thomas Ruff, 3D_m.a.r.s 16

ma.r.s.

Während seiner Recherchen zu Aufnahmen aus dem All stieß Thomas Ruff auf Fotografien des Mars. Diese wurden von einer Kamera aufgenommen, die sich in einer im August 2005 von der NASA ins All geschickten Raumsonde befindet und seit März 2006 detaillierte Bilder der Oberfläche des Planeten Mars auf die Erde sendet. Die Bilder sollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in die Lage versetzen, genauere Kenntnis der Oberfläche, der Atmosphäre und der Wasserverteilung des Mars zu erhalten.

Retusche und Farbe

Wie kommt die Farbe ins Foto?
Warum haben die Fotografen schon im 19. Jahrhundert ihre Fotos retuschiert?

Seit der Frühzeit der Fotografie werden ein- und mehrfarbige Retuschen genutzt oder Bilder eingefärbt. Thomas Ruff untersucht eine Möglichkeit in seiner Serie “Retusche” als Form der Verschönerung und der Annäherung an ein Ideal. Seine Maschinen werden durch Einfärbung der Motive mit typischen Farben der industriellen Produktion überhöht und isoliert. Für die Werkgruppen “m.n.o.p.” und “w.g.l.”. hat der Künstler Fotos von Ausstellungssituationen partiell eingefärbt, um Präsentationsformen von Museen und Gestaltungsabsichten in der Ausstellungspraxis herauszustellen.

Retusche

Eine Farbfotografie von Sophia Loren, die Thomas Ruff 1995 in einer Ausstellung in Venedig gesehen hatte, machte ihn auf eine Darstellungspraxis aufmerksam, die so alt ist, wie die Fotografie selbst: das Kolorieren von Fotografien. Hatte man bei dem Foto von Sophia Loren einen Star durch die zusätzliche Farbe “verschönert”, beschloss Ruff 1995, diese Praxis auf zehn Porträts anzuwenden, die er in dem medizinischen Lehrbuch 'Das Gesicht des Herzkranken' von Jörgen Schmidt-Voigt aus den 1950er Jahren gesehen hatte. Mit Pinsel und Eiweißlasurfarbe “schminkte” er die Gesichter, indem er ihnen Lidschatten, Rouge und Lippenstift “auflegte”.

Thomas Ruff, 0946

Thomas Ruff, 0946

Maschinen

Um 2000 erwarb Thomas Ruff ca. 2.000 Fotografien auf Glasnegativen aus den 1930er Jahren. Es handelt sich hierbei um das Bildarchiv der ehemaligen Firma Rohde & Dörrenberg aus Düsseldorf-Oberkassel, die Maschinen und Maschinenteile herstellte. Die Aufnahmen waren ursprünglich als Vorlagen für die Herstellung des Firmenkatalogs erstellt worden und zeigen die gesamte Produktpalette der Firma. Um die damals noch manuell vorgenommene Freistellung des abgebildeten Gegenstands zu erleichtern, wurden die jeweiligen Produkte häufig einzeln vor einem weißen Hintergrund fotografiert, der Abzug anschließend retuschiert und für den Druck weiterverarbeitet. Diese extrem aufwendige Vorbereitung und Bildbearbeitung, das analoge Pendant der digitalen Bearbeitung durch Photoshop, betonte Ruff, indem er für die Werke seiner zwischen 2003 und 2005 entstandenen Serie ähnlich einer Retusche einzelne Bereiche der digitalisierten Bilder durch gezielt gesetzte Farbigkeit kolorierte.

Thomas Ruff, m.n.o.p.08

Thomas Ruff, m.n.o.p.08

m.n.o.p.
w.g.l.

Zwei Serien im Werk von Thomas Ruff basieren auf Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus berühmten Museumspräsentationen der 1940er und 1950er Jahre in New York und London. Thomas Ruff kolorierte die Installationsaufnahmen teilweise digital mit einer an die 1950er Jahre angelehnten Farbigkeit und vergrößerte sie. Während die Kunstwerke - aus Respekt vor den Künstlern und deren Werken - unberührt blieben, färbte er die Teppichböden, die mit Stoff bespannten Wände und die Decken ein. Durch diese Bearbeitung unterstreicht er die Ausstellungsästhetik der 1940er bis 1960er Jahre und lässt mit den resultierenden abstrakten Farbflächenkompositionen die Gestaltung der Ausstellungsmacher bewusst werden.

Thomas Ruff, w.g.l.01