Altenbourg, Gerhard
1926 – 1989

Im Angesicht der Schlange ein verlorenes Lächeln, 1985

Chinesische Tusche, Bleistift, Skizzierstift, Litho-Kreide, Gouache, Pulverfarbe, Aquarell, auf Fabriano Roma Bütten Michelangelo
67 x 49 cm


Erworben 2019

Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

2019 konnte die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen ihre umfassende Gerhard Altenbourg Sammlung von rund 62 Arbeiten um zwei Blätter aus dem Früh- und Spätwerk durch eine Privat-Schenkung ergänzen. Bereits 2003 hatte die Kunstsammlung den Künstler mit der Retrospektive „Im Fluß der Zeit“ gewürdigt. 2008 kam ein Konvolut aus 46 Lithographien als Dauerleihgabe durch die Ernst von Siemens Kunststiftung ans Haus.

Das vielschichtige Werk Altenbourgs (1926 - 1989) zeichnet sich durch eine subtile und imaginäre Erzählweise aus, die er in den Medien der Zeichnung, Aquarell, Graphik und Dichtung ausdrückt. Als thematischer Ausgangspunkt dienen ihm die eigenen autobiographischen Erlebnisse: Der traumatische Einsatz als Soldat im 2. Weltkrieg wird zum existentiellen Grunderlebnis, das sein Frühwerk prägt. Sein Spätwerk verhandelt die Repressionen, die er in Altenburg ansässig, als Künstler innerhalb der DDR erfährt. Indem er fortwährend an den Gedanken einer autonomen Kunst festhält und so an die Tradition der europäischen Moderne anknüpft – Paul Klee, Wols, Kurt Schwitters und die Dadaisten stehen ihm nahe – nimmt er deutlich Abstand von der vorgegebenen künstlerischen Ideologie der DDR, welche die ästhetischen Kategorien der Moderne als bürgerlich ablehnt und den Klassenkampf als zentrales Anliegen vertritt. Mehrmals wird Altenbourgs Schaffen reglementiert. Nicht die Geste der Provokation, sondern die Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst und seine Positionierung als Einzelgänger machen ihn und sein Werk für die offizielle Kulturpolitik widerspenstig. Vor diesem gesellschaftspolitischen Kontext bergen die Arbeiten Altenbourgs einen großen historischen Erfahrungsschatz und können als Zeugnis eines Künstler-Subjekts im geteilten Deutschland gelten.

Am Tisch, 1948

Bleistift auf braunem Papier
21,1 x 29,6 cm


Erworben 2019

Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

Die Zeichnung „Am Tisch“ (1948) zeigt eine Tischszene mit drei Figuren im Zentrum. Die Szene setzt sich aus Punkten und Linien zusammen, wobei die durchgehende Linienführung für die Kennzeichnung der Umgebung eingesetzt wird, während die gepunkteten Linien hauptsächlich den menschlichen Figuren und dem Tisch vorbehalten bleiben. Die zurückgenommene Stiftführung deutet nur an und verleiht dem Blatt etwas Skizzenhaftes und Flüchtiges, gleich einer Aussage, die nicht ganz formuliert werden kann.

„Im Angesicht der Schlange ein verlorenes Lächeln“ (1985) zeigt die Darstellung eines Kopfes in der Drei-Viertel Ansicht. Ihr lyrischer Titel verweist auf Altenbourgs medienübergreifende und ganzheitlich orientierte künstlerische Praxis. Während frühere Werke durch einen betont zeichnerischen und detailversessenen Stil gekennzeichnet sind, unterscheidet sich das Blatt aus 1985 durch einen weicheren Umgang mit malerischen Gesten. Durch die auffallend flächige Pinselführung gewinnt das Bild den Eindruck einer melancholischen Versöhnung des Künstlers mit den eigenen Traumata.

Mit der Schenkung einer besonders frühen und einer besonders späten Arbeit, gelingt es der Kunstsammlung einen vollständigen Überblick des Werks herzustellen und eine Geschichte des Nachkriegs-Deutschlands aus künstlerischer Perspektive zu erzählen. Die Arbeiten, die im Andeuten, im Spiel mit dem Unbewussten und Ephemeren ihre künstlerische Strategie formulieren, wecken so das Potential zur Schärfung des Blicks für das Zarte und Fragile, das Poetische und Vergängliche.