Boltanski, Christian
*1944

1944 geboren in Paris
1969 erste Einzelausstellung in der Galerie Givaudan, Paris
1970 Einzelausstellung im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris
1972 Teilnahme an der „documenta 5“, Kassel, ebenso „documenta 6“ (1977) und „documenta 8“ (1987)
1973 Einzelausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden
1980 Teilnahme an der „39. Biennale“, Venedig, der „42. Biennale“ (1986), der „45. Biennale“ (1993), der „46. Biennale“ (1995) und der „56. Biennale“ (2015)
1983 Teilnahme an der „18. Biennale“, São Paulo
1988 große Einzelausstellung im Museum of Contemporary Art Chicago mit Folgestationen in Los Angeles und New York
1990 große Einzelausstellung in der Whitechapel Gallery, London
1994 Kunstpreis der Stadt Aachen
1998 große Retrospektive im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris
2001 erhält den Kaiserring der Stadt Goslar
2005 Leitung der „Ruhrtriennale” gemeinsam mit Andrea Breth und Jean Kalman
2006 erhält Praemium Imperiale für Skulptur, Japan
2009 große Retrospektive im Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz
2011 französischer Pavillon der „54. Biennale“, Venedig

Christian Boltanski lebt und arbeitet in Malakoff bei Paris

El Caso, 1988

40 Schwarz-Weiß-Fotografien (Porträts), 40 Schwarz-Weiß-Fotografien (Tatortaufnahmen), 40 Keksdosen, 52 Lampen, Kabel, Leintücher, Holzregale, Installation
950 x 425 x 650 cm


©Boltanski, VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Die Rauminstallation „El Caso“ ist 1988 anlässlich von Christian Boltanskis Einzelausstellung im Centro de Arte Reina Sofía in Madrid entstanden. Sie besteht aus drei nebeneinander an einer Wand aufgestellten hölzernen Regalen, in die Stapel von Leintüchern geschichtet sind, sowie aus 40 unregelmäßig über die Wand verteilten, gerahmten fotografischen Porträts von Männern, Frauen und Kindern.

Unter jeder der Schwarz-Weiß-Aufnahmen ist ein kleiner silberner Blechkasten an der Wand montiert. Es sind Keksdosen, wie sie früher zur Aufbewahrung von persönlichen Besitztümern benutzt worden sind. Die über den Fotografien angebrachten Klemmlampen, deren lose schwarze Kabel ein netzartiges Liniengewirr auf der weißen Wand zeichnen, sind die einzigen Lichtquellen im Raum. Die eindringliche Wirkung der im Halbdunkel einzeln beleuchteten, sachlich bis freundlich wirkenden Gesichter lässt an eine Gedenkstätte, an ein Archiv und zugleich an eine Grabkammer denken. Der Titel „El Caso“ bezieht sich auf ein spanisches Wochenblatt, das mit der sensationslüsternen Schilderung von Kriminalfällen das Interesse seiner Leserschaft befriedigt. Die Fotografien, die Boltanski alle der Zeitschrift „El Caso“ entnommen hat, stellen unterschiedslos Opfer und Täter dar. In den zugeordneten Keksdosen befinden sich die jeweiligen Tatortfotos. Boltanskis Installation von gleichrangig nebeneinander angeordneten und im Bildausschnitt standardisierten Täter- und Opferporträts verdeutlichen, dass Moral unsichtbar ist, dass individuelle Züge unvermeidlich im Kollektiven aufgehen und dass es eine Paradoxie des Gedenkens gibt, die in der Unmöglichkeit von gleichzeitigem Verewigen und Vergessen liegt.