Kirchner, Ernst Ludwig
1880 – 1938

1880 geboren in Aschaffenburg
1901−1905 Studium der Architektur in Dresden
1903−1904 Kunstschule von Wilhelm Debschitz und Hermann Obrist in München
1905 Gründung der „Brücke“ in Dresden mit Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Fritz Bleyl
1907 erste Ausstellung der „Brücke“ im Kunstsalon Richter, Dresden
1910 „Brücke“-Künstler treten ein in„Neuen Secession“ Berlin; Reise nach Hamburg
1911 Übersiedlung nach Berlin
1912 anlässlich der Kölner „Sonderbund-Ausstellung“ malen Kirchner und Erich Heckel eine Kapelle aus
1913 Auflösung der „Brücke“
1914−1916 Militärdienst; Erkrankung; während des Aufenthalts im Sanatorium in Königstein i. T. Ausmalung des Treppenhauses
1917 kurzer Aufenthalt in Berlin; Übersiedlung nach Davos, lässt sich auf der Staffelalp bei Frauenkirch nieder
1926 erste Reise nach Deutschland seit der Übersiedlung in die Schweiz
1927−1934 Entwürfe für die künstlerische Ausgestaltung des Festsaales des Museum Folkwang in Essen, die jedoch nicht zur Ausführung kommen
1932 Mitglied der Preußischen Akademie der Künste
1933 Retrospektive in der Kunsthalle Bern
1937 auf der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München vertreten; 639 seiner Werke werden aus deutschen Museen entfernt; erste Ausstellungen in den USA, Institute of Art, Detroit, und Buchholz Gallery Curt Valentin, New York
1938 nimmt sich Ernst Ludwig Kirchner in Davos das Leben

Mädchen unter Japanschirm, um 1909

Öl auf Leinwand
92,5 x 80,5 cm


Foto: Walter Klein, Düsseldorf

Fernab von Paris hatte sich 1905 in Dresden um Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel die Künstlergemeinschaft „Brücke“ zusammengefunden, um der Vision von einer neuen, von Zwängen befreiten Gesellschaft ein Forum zu geben. 

Ihr Gegenentwurf zu der mit Reizen und Ablenkungen übersättigten Gesellschaft bestand im Bekenntnis zu einer unverfälschten Lebensweise und in der Ablehnung bürgerlicher Konventionen. Ohne Rücksicht auf akademische Beschränkungen und im bewusst kleinen Kreis übten sich die Künstler im spontanen Anfertigen von Körperstudien. In freier Natur oder in der Abgeschiedenheit privater Ateliers entstanden Zeichnungen und Gemälde, in denen sie mit leuchtenden Farben und vereinfachten, aber ausdrucksstarken Formen ein Äquivalent für ihre Gefühlslage suchten. „Mädchen unter Japanschirm“ ist ein Hauptwerk Kirchners aus seinen Dresdner Jahren. Die scheinbar spontane Wiedergabe des Motivs verrät kaum etwas von dem Kalkül der Komposition: Nahsicht und Anschnitt der Figur folgen den Prinzipien des Impressionismus, innovativ ist dagegen die Flächigkeit der Darstellung, die Asymmetrie der Anordnung und der weitgehende Verzicht auf Details. Die Komplementärkontraste in Gelb-Orange/Ultramarin sowie in Grün/Rot-Orange dienen dazu, eine untrennbare Einheit von Figur und Grund zu schaffen. Die Farbbehandlung, aber auch die Haltung des Mädchens sind Ergebnis der Auseinandersetzung mit Werken von Henri Matisse, von dem Kirchner Ende 1908 eine Ausstellung in Berlin gesehen hatte. Diese Tatsache stellt die Datierung „06“ unten rechts in Frage. Der Einfluss außereuropäischer Kulturen, die den Künstlern als Symbole für Unverfälschtheit und Ursprünglichkeit dienten, ist in der Verwendung des asiatischen Schirms sowie in dem Fries am oberen Bildrand spürbar.

Zwei Frauen auf der Straße, 1914

Öl auf Leinwand
120,5 x 91 cm


Foto: Walter Klein, Düsseldorf

Ernst Ludwig Kirchners Umzug von Dresden in die Metropole Berlin 1911 hatte einen grundlegenden stilistischen Wandel zur Folge. Sein künstlerisches Schaffen zeichnete sich von nun an durch eine konsequente Gleichrichtung des Pinselstrichs und durch harte, eckige Formen aus. 

Kirchner griff darin auf Formprinzipien der mittelalterlichen Gotik zurück, die den Expressionisten als Ideal einer universellen Geisteskultur galt und die als Gegenbild zur modernen Industriegesellschaft verstanden wurde. Die „Zwei Frauen auf der Straße“ gehören zu Kirchners Serie der Berliner Straßenbilder, die der Künstler 1913 begann. Der Künstler fing den Augenblick einer flüchtigen Begegnung ein, wie er sich auf überfüllten Straßen zwischen Passanten ergibt. Der besondere Reiz besteht in der Gleichzeitigkeit von räumlicher Nähe und atmosphärischer Distanz sowie in der malerischen Durchdringung von Personen, Straße und Verkehr. Die undurchdringlich wirkende Farbigkeit in Grün, Rot, Rosa und Orange erinnert an wuchernde Vegetation mit exotischen Gewächsen und ruft die Assoziation eines Großstadtdschungels hervor. Bei den „Zwei Frauen auf der Straße“ handelt es sich um Huren. Der Schleier vor dem Gesicht soll den Eindruck bestätigen, man habe ehrenwerte Witwen vor sich.