Giacometti, Alberto
1901 – 1966

1901 geboren in Borgonovo im Bergell, Kanton Graubünden, Schweiz
1910-1916 malt, zeichnet und modelliert unter Anleitung seines Vaters
1919-1920 Studium in Genf in der Bildhauerklasse der École des Arts et Métiers
1920-1921 Studienaufenthalt in Italien, hauptsächlich in Venedig, Florenz und Rom1922 trifft in Paris ein, wo er zunächst im Atelier von Alexander Archipenko arbeitet; studiert fünf Jahre an der Académie de la Grande Chaumière im Atelier von Antoine Bourdelle1925 stellt erstmals im Salon des Tuileries aus, Beteiligung an der „Exposition des Artistes Suisses“ in Paris1926-1927 Besuch bei Henri Laurens; Auseinandersetzung mit dem Kubismus; bezieht Atelier und Wohnung zusammen mit seinem Bruder Diego in der Rue Hippolyte-Maindron, wo er bis zuletzt arbeitet
1929 lernt Joan Miró, Hans Arp, Max Ernst und Pablo Picasso kennen; Vertrag mit dem Pariser Kunsthändler Pierre Loeb
1930 lernt André Breton, Louis Aragon und Salvador Dalí kennen; Teilnahme an diversen Aktionen der Surrealisten
1932 erste Einzelausstellung in der Galerie Pierre Colle, Paris
1935 Loslösung von den Surrealisten; Rückkehr zur Studie nach der Natur
1940 Freundschaft mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir
1941-1945 während der Kriegszeit in Genf
1946 Rückkehr nach Paris in sein altes Atelier
1948 große Ausstellung in der Pierre Matisse Gallery, New York
1951 erste der zahlreichen Ausstellungen in der Galerie Maeght, Paris; Freundschaft mit Samuel Beckett
1955 Retrospektiven in Krefeld, Düsseldorf und Stuttgart sowie in der Arts Council Gallery, London und im Solomon R. Guggenheim Museum, New York
1961 gestaltet das Bühnenbild für die Pariser Neuinszenierung von „En attendant Godot“ („Warten auf Godot“) seines Freundes Samuel Beckett
1962 erhält den Großen Preis für Skulptur der „Biennale“, Venedig
1965 große Retrospektive in New York mit Stationen in Chicago, Los Angeles und San Francisco sowie in London; erhält den Grand Prix National des Arts des französischen Staates, Gründung der Giacometti-Stiftung in Zürich
1966 stirbt Alberto Giacometti in Chur in der Schweiz.

Nu debout

Öl auf Leinwand
155 x 69,5 cm


Erworben 1779

Foto: Walter Klein, Düsseldorf

Ein Jahr nach „Annette assise“ („Annette, sitzend“) entstand 1958 das Gemälde „Nu debout“ („Stehender Akt“). Hoch aufgerichtet und überlängt, in unbewegter Haltung mit eng an den Körper angelegten Armen, die beiden Beine zu einem einzigen verschmolzen, erinnert die Figur an die Frauendarstellungen in Giacomettis skulpturalem Werk der zweiten Hälfte der 1950er Jahre.

Auf den ersten Blick, fast auffälliger als die Gestalt selbst, ist die schmutzig-graue und nach rechts in kräftigen Pinselstrichen ausfransende Farbfläche, die sich in heftigem Kontrast von der Leinwand abhebt und die Figur umgibt. Diese scheint in der grau-braunen Aura zu versinken, sich in ihr aufzulösen; allein die schwarzen, leicht skizzierten Striche und Lineaturen, die ein vages, skeletthaftes Körpergerüst bilden, heben sich vom grauen Untergrund ab. Der Körper selbst ist nur andeutungsweise als Verdichtung der Grauwerte erahnbar.

In beiden Bildern werden Figur und Aura zusätzlich von einem Rahmen umfangen. Bei „Stehender Akt“ ist allerdings stärker der Charakter des Rohzustandes und des Unvollendeten hervorgehoben. Weite Teile der Leinwand sind unbearbeitet; besonders der untere Bereich ist übersät von Farbspritzern, wie sie beim schnellen Arbeiten entstehen – das Bild zeigt den Prozeß der Entstehung. Hier geht es um das Entstehen von Kunst.

Zugleich handelt es sich um eine Metapher für Giacomettis Menschenbild: das Dasein nicht als unveränderliches Sein, sondern als Werden und ständiges Suchen, als ein immer wieder Sich-Neu-Definieren. Der immer wieder neu ansetzende Pinselstrich, der die Malerei Giacomettis genauso wie seine Zeichnungen prägt, bringt dies ebenfalls zum Ausdruck. Es geht um den Weg und nicht um das Ziel, so wie es Giacometti selbst 1965 in einem Gedicht formuliert hat:

„Das alles bedeutet nicht viel,
die ganze Malerei, die Skulptur, das Zeichnen
Schreiben, oder vielmehr: die Literatur,
Das alles hat seinen Ort
Und mehr nicht.
Der Versuch ist alles,
wie wunderbar!“ (1)

 

(1)  Zit. n. Toni Stooss/Patrick Elliott/Christoph Doswald (Hrsg.), „Alberto Giacometti 1901–1966”, Kunsthalle Wien/Scottish National Gallery of Modern Art, Edinburgh, Ostfildern-Ruit 1996, S. 429

Annette assise

Öl auf Leinwand
100,9 x 61,5 x 2,3 cm


Erworben 1965

Foto: Walter Klein, Düsseldorf

Alberto Giacometti und Annette Arm heirateten 1949. Der Künstler porträtierte seine Frau in zahlreichen Zeichnungen, Radierungen, Skulpturen und Gemälden. Es gibt keinen Unterschied zwischen oben und unten, Vorder- und Hintergrund. Die Umgebung bietet keinen räumlichen Halt. Der angedeutete Rahmen lenkt den Blick auf die Figur. Die suchende Strichführung verleiht dieser keine feste Form, sondern betont den Prozeß der Entstehung.

Durchsichtig scheint die Figur abwechselnd aus dem Grund aufzutauchen und zu verschwinden. Ein dunkleres Grau umhüllt sie wie eine Erscheinung. Der Farbton isoliert die Figur und schafft ein Vakuum, das sie selbst auszustrahlen scheint. Das Grau der Umgebung steht für den Raum an sich und für das Sein, in das der Mensch nach Auffassung der existentialistischen Philosophie geworfen ist. In ähnlicher Weise wie in diesem Gemälde stellte Giacometti viele seiner Modelle dar.