Attia, Kader
*1970

1970 geboren in Dugny, Frankreich
1991−1993 Studium an der Ecole Supérieure des Arts Appliqués “Duperré”, Paris
1993−1994 Studium an der Escola de Artes Applicades “La Massana”, Barcelona
1996−1998 Ecole Nationale Supérieure des Arts Décoratifs, Paris / France
1996 erste Einzelausstellung im Centre culturel Français de Brazzaville, Kongo
1997 erste Einzelausstellung in Frankrank in der Galerie L’œil du huit, Paris
2011 Teilnahme an der „54. Biennale“, Venedig
2012 Teilnahme an der „documenta 13“, Kassel
2014 erhält Berliner Kunstpreis
2016 Verleihung des 2. Kunstpreis Ruth Baumgarte; erhält den Prix Marcel Duchamp für seinen Film Refléchir la mémoire; seine Ausstellung im MMK Frankfurt wurde vom Deutschen AICA zur „Ausstellung des Jahres 2016“ gekürt
2017 wird ihm der Joan-Miró-Preis verliehen

Attia Kader lebt und arbeitet in Berlin und Algier

Culture, Another Nature Repaired, 2018

Teakholzbüste und Metallsockel
74 x 31 x 37 cm und 145 x 50,5 x 50,5 cm


Schon seit mehreren Jahren setzt sich Kader Attia mit den Begriffen „Reparatur“ und „Wiederaneignung“ auseinander. Die Serie „Culture, Another Nature Repaired“ macht Ergebnisse solcher Recherchen sichtbar und veranschaulicht die Herangehensweise, für die der Künstler bekannt geworden ist.

Als Vorlage für die Büsten dienten Fotografien der „gueules cassées“: im ersten Weltkrieg versehrte Soldaten, die ob ihrer schweren, durch eine neue Generation von Waffen verursachten Gesichtsverletzungen eine besondere Gruppe von Opfern darstellten. Die oft starken Deformationen sowie der damit verbundene vermeintliche Verlust von Identität erschwerten den Opfern das Leben und führten zu gesellschaftlicher Ausgrenzung und Isolation. Um die Verletzungen in drei Dimensionen getreu wiedergeben zu können, suchte der Künstler nach Fotografien, die die Gesichter frontal und von der Seite dokumentieren. Die Ausführung der Skulpturen erfolgte in Kooperation mit Künstlern aus dem Senegal. Narben und Deformationen wurden mit traditionellen Werkzeugen aus dem Teakholz geschlagen und damit das traumatische Erleben der Opfer gewissermaßen reproduziert. Durch die scheinbar unpräzisen, wuchtigen Schläge wird die Brutalität der Verwundungen betont und der radikale Ausdruck der Skulpturen verstärkt. Die Gesichtszüge wecken zudem Assoziationen mit afrikanischen Masken. Neben Identitätsfragen werden Heilungsprozesse, die Entwicklung der modernen plastischen Chirurgie sowie der Umgang mit den Kulturgütern verhandelt. Die Entsprechung zwischen zerklüfteten Gesichtern und afrikanischen Masken verweist darüber hinaus auf die historische Tatsache, dass die Kolonialmächte Menschen aus den Kolonien als Soldaten an die Front schickten. So sind die Büsten auch Ausdruck kritischer Überlegungen zu Verflechtungen zwischen der Moderne und der kolonialen Vergangenheit des Westens. Die unterschiedlich hohen Gestelle aus Armierungseisen, auf denen Attia die Skulpturen platziert, sind Teil des Werks. Mit diesem für die moderne Bauweise so zentralen Material verweist der Künstler einmal mehr auf die Moderne.