Picasso, Pablo
1881 – 1973

1881 geboren in Málaga
1892−1898 Ausbildung in der Zeichenklasse des Vaters an der Kunstschule in La Coruña; Akademiestudium in Barcelona und Madrid
1901−1904 erste Ausstellung bei Ambroise Vollard in Paris; hält sich abwechselnd in Paris und Barcelona auf, bis er sich im April 1904 endgültig in Paris niederlässt
1907 malt mit „Les Demoiselles d‘Avignon“ das Initialbild des Kubismus; Daniel-Henry Kahnweiler wird sein Galerist
1914−1918 bleibt als Spanier vom Militärdienst im Ersten Weltkrieg verschont, verbringt die Kriegszeit in Paris
1918 während der folgenden Jahre Sommeraufenthalte an der Côte d’Azur
1921−1925 kauft das Schloß Boisgeloup und richtet sich dort ein Skulpturenatelier ein
1925 Beteiligung an der ersten Surrealisten-Ausstellung in der Galerie Pierre, Paris
1932 Ausstellung im Kunsthaus Zürich
1937 malt „Guernica“ als Mahnmal und zum Andenken an die baskische Stadt, die im Spanischen Bürgerkrieg von den Deutschen komplett zerstört wurde
1939−1945 verbringt den Zweiten Weltkrieg in Royan am französischen Atlantik und im besetzten Paris; schließt sich der antifaschistischen Bewegung an und tritt in die Kommunistische Partei Frankreichs ein
1947 lebt abwechselnd in Paris und Vallauris in Südfrankreich
1950 Sonderausstellung bei der „25. Biennale“, Venedig
1953 Retrospektive mit Stationen in Rom, Mailand, Lyon und São Paulo
1955−1956 Retrospektive mit Stationen in Paris, München, Köln und Hamburg
1961 bezieht die Villa Notre-Dame-de-Vie bei Mougins in der Nähe von Cannes
1966 umfassende Retrospektive in Paris anlässlich des 85. Geburtstages
1973 stirbt Pablo Picasso in Mougins

Auswahl

Portrait de Fernande / Bildnis Fernande, 1909

Öl auf Leinwand
61,8 x 42,8 cm


© Pablo Picasso bei Succession Picasso, VG Bild-Kunst, Bonn, 2020, Foto: Walter Klein, Düsseldorf

Den Sommer 1909 verbrachte Pablo Picasso mit Fernande Olivier im spanischen Horta de Ebro. Fast ausschließlich widmete er sich hier der umgebenden Landschaft und dem Porträt. In der Wiederholung ein und desselben Motivs erprobte er die Möglichkeiten einer neuen stilistischen Bildsprache, an der er seit 1908 in engem Austausch mit Georges Braque arbeitete. 

Die Palette zeigt sich eingeschränkt auf die Farben Grün, Ocker, Grau, Weiß und Schwarz. Das Gesicht Fernandes wird zum malerischen Experimentierfeld: Alle dreidimensionalen Formen sind in abgeschattete stereometrische Flächen aufgelöst. Die lineare, beinahe kristalline Aufsplitterung lässt an Falten und Runzeln denken, an eine alte Frau. Die sprichwörtliche Schönheit der Geliebten, die im Freundeskreis „La belle Fernande‟ genannt wurde, wird schlichtweg negiert. Das Konzeptuelle, die Ausbildung einer neuen Formsprache, überwiegt gegenüber dem Autobiografischen. So weist die deformierte Darstellung von Fernandes Gesicht formale Ähnlichkeiten mit den im selben Sommer in Horta de Ebro gemalten Dorfansichten auf: Die über Hügel verteilten Häuser sind in ähnlich kubische Formen aufgelöst, sodass das vertraute Gesicht der Freundin in dem Gemälde als plastische, facettenreiche Landschaft erscheint.

La guitare / Die Gitarre, 1913

Öl auf Leinwand
116,5 x 81 cm


©Pablo Picasso bei Succesion Picasso/ VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: Walter Klein, Düsseldorf

Im Jahr 1913 kreiste Pablo Picassos Schaffen nahezu ausschließlich um das Motiv der Gitarre. Den Anstoß dazu gab Picassos erste Objektskulptur, die Konstruktionsplastik „La guitare” im Oktober 1912. Das Gemälde gleichen Titels überträgt die äußere Form in die Ölmalerei. 

Flächenhafte, klar voneinander unterschiedene Elemente sind zu einem Bild komponiert. Die Gitarre im Zentrum findet sich lediglich als Umrisszeichnung. Manche Passagen erscheinen in pointillistischem Pinselduktus. Andere Flächen im Bild hat Picasso mit Ölfarbe und Sand gemalt, wodurch sich eine haptische Oberflächenwirkung ergibt. Insgesamt zeigt sich an den delikaten Lila- und Lachstönen des Gemäldes eine neue Hinwendung zur Farbigkeit im Gegensatz zu den oft grau in grau gehaltenen Bildern der analytischen Phase des Kubismus.

Deux femmes nues assises / Zwei sitzende Frauen, 1920

Öl auf Leinwand
195 x 163 cm


Pablo Picasso bei Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: Walter Klein, Düsseldorf

In den Jahren zwischen 1916 und 1924 nahm Pablo Picassos künstlerische Entwicklung eine entscheidende Wendung. Gerade hatte das Publikum begonnen, sich an die kubistische Behandlung des Gegenständlichen zu gewöhnen, als Picasso mit Arbeiten hervortrat, die zur monumentalen, statuarisch wirkenden Abbildlichkeit zurückkehrten. 

Das großformatige Gemälde „Deux femmes nues assises“ ist ein monumentales, ja beinahe monströses Bild. Dargestellt sind zwei einander vertraulich zugewandte Riesinnen, Frauen wie aus einem Titanengeschlecht, mit schweren Gliedmaßen und schweren Gedanken, Amazonen in einem Milieu von spartanischer Einfachheit. Deformation, wie aus der kubistischen Phase bekannt, betreibt Picasso auch hier. Die voluminösen Körper wirken knochenlos und wie aufgepumpt, sie erinnern an Michelangelos „terribiltà“ aus dem 16. Jahrhundert ebenso wie an Aristide Maillols mediterrane Geschöpfe. Das finster Matriarchalische, das von diesem Bild ausgeht, befremdet. Das in jenen Jahren aufgeflammte Interesse Picassos an mediterranen, mythischen Bildthemen, das ihn zur Darstellung der beiden sitzenden Akte führte, zog in den Folgejahren ähnlich monumentale Frauengestalten auch in anderen seiner Bilder nach sich.

Femme au miroir (Femme accroupie) / Frau vor dem Spiegel (Kauernde Frau), 1937

Öl auf Leinwand
130 x 195 cm


Pablo Picasso bei Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: Walter Klein, Düsseldorf

Das Werk von Pablo Picassos zeichnet sich nicht durch eine stringente stilistische Entwicklung aus. Es besteht vielmehr aus Rücksprüngen und Verwerfungen, aus immer wieder neuen Experimenten in Form-und Gestaltfragen. „Femme au miroir (Femme accroupie)“ bringt die Synthese unterschiedlicher Stilelemente, die ab Mitte der 1930er Jahre verstärkt in Picassos Werken zu finden ist, formvollendet zum Ausdruck.

In dem Bild der konzentriert über ein Zeichenblatt gebeugten Frau, möglicherweise ein Porträt von Marie-Thérèse Walter, der Lebensgefährtin Picassos, finden sich kubistische Stilelemente sowie biomorphe Deformationen. Die gelassene, aber auch melancholische Stimmung des Bildes ist von eindringlicher Poesie. Man glaubt, den Lufthauch, der durch das geöffnete Balkonfenster zieht, förmlich spüren zu können. Besonders hervorgehoben durch Größe und lila Farbgebung hat Picasso die rechte, die zeichnende Hand. Zu den sanften Lila- und Hellblautönen tritt das reine Rot im Spiegel, das kräftige Türkis in der Kleidung der Frau, wodurch Picasso das Bild trotz seiner gelösten Atmosphäre in Spannung zu versetzen vermag.

Femme assise dans un fauteuil / Frau im Lehnstuhl, 1941

Öl auf Leinwand
80,7 x 65 cm


Pablo Picasso bei Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: Walter Klein, Düsseldorf

Olga Khokhlova, Marie-Thérèse Walther, Dora Maar, Jacqueline Roque – Pablo  Picassos Freundinnen, Geliebte und Ehefrauen saßen dem Künstler unzählige Male Modell. Auffallend häufig zeigt er sie – wie 1941 vermutlich die Fotografin und Künstlerin Dora Maar – als Halbfigur in einem Lehnstuhl sitzend, in eher passiver Haltung.

Dieses Porträt mutet wie ein Flickenteppich aus bewegten Mustern in kraftvollen Farben an, komponiert aus den vielfältigen Streifenformationen des gemusterten Kleides, einer Tapete voller Sterne, dem markanten Geflecht der Stuhllehne, mit dem in kraftvollen Strichen gesetzten Haar, dem Hut und dem Gesicht der Porträtierten. Picasso baut die Komposition ausschließlich aus ineinander verzahnten Flächen auf, klappt das Körperhafte in die Fläche auf. Während die Gesamtkomposition fast traditionell anmutet, ist das Gesicht erschreckend deformiert. Es zerfällt in zwei Hälften, an denen Mund und Ohren wie angeheftet erscheinen. Statt weich gebogener Brauen überspannen starre Nägel die horizontal beziehungsweise vertikal ausgerichteten Augen. Die fast ungestüme Lebendigkeit dieses Bildes mit seinen markanten Linien, den kurzen, schroffen Strichen und der Dominanz der Grundfarben Rot, Blau und Gelb bricht sich an seiner beruhigten Gesamtkomposition. Der Unterschied zu den Porträts von Marie-Thérèse Walther aus den 1930er-Jahren ist dennoch eklatant: dort weiche, ineinanderfließende Formen in subtilen Farbkonstellationen, hier Vitalität, schroffe Formen und starke Kontraste.

Nature morte au crâne de bœuf / Stillleben mit Stierschädel, 1942

Öl auf Leinwand
130 x 97 cm


© Pablo Picasso bei Succession Picasso, VG Bild-Kunst, Bonn, 2020, Foto: Walter Klein, Düsseldorf

Eine feierlich getragene Stimmung geht von dem großformatigen „Nature morte au crâne de bœuf“ aus, das Pablo Picasso am 5. April 1942, eine Woche nach dem Tod seines Freundes und Bildhauerkollegen Julio González gemalt hat.

Vor einem braunen Fensterkreuz ist auf einem Tisch mit dunkelgrünem Tuch die abstrahierte Darstellung eines verblichenen Stierschädels mit kubistisch verkanteten Hörnern zu sehen. Zwei unterschiedliche Violett-Töne sind in Streifen entlang der beiden Fensterflächen geführt, die ansonsten in Schwarz gehüllt sind. Mit den schwarzen Fenstern spielt Picasso möglicherweise auf die Verdunklungspraxis während der Kriegsjahre an, sie verweisen aber auch auf den in Südeuropa gepflegten Brauch, Spiegel im Zimmer eines Verstorbenen mit schwarzen  Tüchern zu verhängen. Trauer über Tod und Krieg verdichten sich in dem Gemälde. Es ist nicht nur ein Requiem auf den verstorbenen Freund, sondern auch eine erneuerte Form des barocken Memento mori, das Nachdenken über die Vergänglichkeit und Sterblichkeit des Menschen. Der Stier findet sich als Motiv in Picassos Kunst seit den 1930er-Jahren in den Minotauromachien, den Kämpfen des Fabelwesens, das zugleich Stier und Mensch ist. Zentrale Bedeutung verlieh Picasso 1937 dem Stier auch in dem Wandbild „Guernica“, in dem er als Symbol für das dem faschistischen Terror trotzende spanische Volk dient.

Tête d’homme, 1971

Bleistift auf Karton
22 x 15,5 cm


Erworben 2019

Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

1971, im Jahr der Entstehung der Zeichnung „Tête d’homme (I)“, ist Picasso 90 Jahre alt und weiterhin überaus produktiv. Im Zeitraum zwischen 1970 bis zu seinem Tod 1973 fertigte er über 1000 Zeichnungen. Sie sind Zeugnis des fortdauernden Schaffens des bedeutenden Künstlers. In diesem Zeitraum wendet sich Picasso vermehrt erotischen Darstellungen zu. Neben jungen weiblichen Akten und Porträts von Jaqueline Roque beschäftigt er sich auch mit von Männlichkeit aufgeladenen Figuren aus Büchern und dem aufkommenden Fernsehen, das er ab 1966 in seinem Haus empfängt.

Picassos Begeisterung für das neue Medium spiegelt sich in seinen Zeichnungen wieder, die Eindrücke aus Spielfilmen zeigen. Die männlichen Figuren, die auch eine Auseinandersetzung mit dem Alter andeuten, wechseln zwischen Darstellungen von Malern, Harlequins, Musikern, Matadoren, Pierrots oder Musketieren. Immer wieder werden die Protagonisten in den Zeichnungen aufgegriffen und treten auch innerhalb einzelner Blätter in Interaktion miteinander. Die Bleistift-Zeichnung auf Karton „Tête d’homme (I)“ bildet einen Musketier ab, ein Motiv, das Picasso in Anlehnung an eines seiner liebsten Bücher „Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas, entwarf. In kräftigen, eiligen Linien gibt sie im Bruststück einen Mann mittleren Alters in der Frontalansicht wieder. Er trägt eine Perücke, Schnurrbart sowie einen spitzenbesetzten Hemdkragen im Stil der französischen Hoftradition des 17. Jahrhunderts. Insgesamt existieren drei Varianten von „Tête d’homme“, die alle am 24. Oktober 1971 entstanden. Die mit fester und entschlossener Stiftführung entworfene Zeichnung ist detailreicher in der Gestaltung und durch die eindrücklichen, klar gekennzeichneten Augen deutlich dramatischer im Ausdruck als die anderen Bilder der Gruppe. Die Figur des Musketiers tritt in verschiedenen Variationen in Ölgemälden aber auch in weiteren Zeichnungen bis zu Picassos Tod auf. Durch die unterschiedlichen Möglichkeiten die Picasso für seine Figuren entwirft, nehmen die Zeichnungen und Picassos Spätwerk im Allgemeinen verstärkt erzählerische Züge an. Das wiederholte Auftreten der vom TV-Gerät geprägten Figuren in den Zeichnungen bildet eine assoziative Kette und reiht sich als eine endlose, vom neuen Bildmedium gestaltete Erzählung aneinander.

In einer Zeit, in der die Minimal-Art und Konzeptkunst den Kunstdiskurs bestimmte, bleiben die Zeichnungen aus dem Spätwerk Picassos der 1960er und frühen 1970er Jahre eindrücklich subjektiven und expressiven Malereidiskursen verhaftet. Picasso zeigt sich, entsprechend der herausragenden Position, die er innerhalb der Kunstgeschichte einnimmt, allen Moden gegenüber widerstandsfähig.