Magritte, René
1898 – 1967

1898 geboren in Lessines, Belgien
1916−1918 Studium an der Académie des Beaux-Arts, Brüssel
1922 Arbeit als Musterzeichner in einer Tapetenfabrik
1924 Formierung der belgischen Surrealistengruppe
1926 „Der verlorene Jockey“, das erste surrealistische Gemälde Magrittes entsteht
1927 erste Einzelausstellung in der Galerie Le Centaure, Brüssel; Umzug nach Le-Perreux-sur-Marne bei Paris; Teilnahme an den Aktivitäten der Pariser Surrealistengruppe
1930 Rückkehr nach Belgien, endgültiger Wohnsitz in Brüssel
1932−1947 wiederholte Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Belgiens
1936 erste Einzelausstellung in den USA, Julien Levy Gallery, New York; Teilnahme an der „International Surrealist Exhibition“, London
1938 Einzelausstellung in der London Gallery, London
1948 erste Einzelausstellung in Paris
1953 Wandmalerei „Das verzauberte Reich“ im Casino Knokke-Le-Zoute
1954 erste Retrospektive im Palais des Beaux-Arts, Brüssel
1967 stirbt René Magritte in Brüssel

Les jours gigantesques / Die gigantischen Tage, 1928

Öl auf Leinwand
116 x 81 cm


©René Magritte, VG Bild-Kunst, 2020, Foto: Walter Klein, Düsseldorf

Das Werk „Les jours gigantesques“ kann als Magrittes Kommentar zu der von den Pariser Surrealisten geführten Diskussion um Sexualität und Gewalt gelesen werden, ein Thema, mit dem die Literaten und Maler Ende der 1920er-Jahre den Umsturz bürgerlicher Moralvorstellungen vorantreiben wollten. Magrittes Werk zeigt den Versuch einer Vergewaltigung: 

Mit großer Kraft wehrt sich eine Frau gegen den Übergriff eines Mannes. In dieser zweiten Fassung des Gemäldes hat Magritte das kämpfende Paar auf eine Bühne gestellt, hinter der sich der Abgrund zu öffnen scheint. Die Frau mit ihrem massigen Körpervolumen versucht den Mann – einer der in der Bildwelt Magrittes häufig auftauchenden gesichtslosen männlichen Akteure – von sich zu stoßen. In der Gebärdensprache der Hände manifestiert sich das Geschehen: Während der Mann die Frau umfasst, stößt sie ihn mit aller Kraft von sich. An dieser Stelle setzt der surrealistische Trick Magrittes ein, der Aktion und Reaktion auf zwei unterschiedlichen Realitätsebenen verankert: Während der gewaltsame Übergriff real durchaus denkbar ist, führt die künstlerische Umsetzung zur Fragmentierung des Mannes und damit in den Bereich surrealistischer Verfremdung. Sein Körper ist nur innerhalb des Körperumrisses der Frau sichtbar. Angriff und Abwehr halten sich in dieser stillgestellten Bewegungsdarstellung am Rande des Abgrunds die Waage. Der Vergewaltigung als Bildthema entspricht auch die gewaltsame Herstellung des Bildes nach dem Verfahren der gemalten Collage. Wie ausgeschnitten erscheint die Kontur des weiblichen voluminösen Körpers, der in deutlichem Kontrast zu den flächig aufgefassten Körperfragmenten des Mannes steht.

Le masque vide / Die leere Maske, 1928

Öl auf Leinwand
73 x 92,5 cm


©René Magritte, VG Bild-Kunst, 2020, Foto: Walter Klein, Düsseldorf

In den Jahren zwischen 1927 und 1930 erarbeitete René Magritte die Gruppe seiner berühmten Sprachbilder, in denen er auf der Basis zeitgenössischer Sprachtheorien das Verhältnis von Worten und Bildern zur Wirklichkeit untersuchte.

Auf einer offenen Bildbühne präsentiert er ein Gemälde, das durch Rahmenleisten in vier unregelmäßige Kompartimente gegliedert ist. Die Bilder, die wir hier erwarteten, hat Magritte durch Worte ersetzt: In altmodisch anmutender Schreibschrift sind die Begriffe „ciel“ („Himmel“), „corps humain (ou forêt)“ („menschlicher Körper (oder Wald)“), „rideau“ („Vorhang“) und „façade de maison“ („Hausfassade“) eingetragen. Die zentrale Aussage neuerer Sprachtheorien ging von der Annahme aus, dass die Beziehungen zwischen Worten und Dingen willkürlich sind und allein auf Konventionen beruhen. Magritte übertrug diese Annahme auf das Verhältnis zwischen bildlicher Darstellung und der Wirklichkeit der Gegenstände. In seinen Sprachbildern verdeutlicht er, dass es nicht die Dinge selbst sind, die die Art ihrer Darstellung festlegen, sondern Verabredung und Gewohnheit. Folglich kann auch der Name eines Gegenstandes die Stelle eines Bildes einnehmen. Das Bild ist nur eine leere Maske oder eine Schablone, die sich zwischen den Betrachter und die Realität der Dinge schiebt.